Zur Einheit der Handelskammer

Kabul, 2008-03-09

Begrüßung

Sehr geehrte Damen und Herren,

Afghanistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Unser Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung beträgt weniger als ein Prozent des Wertes der USA. Im globalen Index der Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Länder, der regelmäßig vom Weltwirtschaftsforum ausgerechnet wird, ist Afghanistan gar nicht aufgeführt.

Warum sind wir wirtschaftlich so schwach entwickelt?

Liegt es daran, dass wir nicht fleißig sind?

Sicher nicht, denn unsere afghanischen Brüder im Ausland sind ja wirtschaftlich sehr erfolgreich und werden dort als tüchtige Kollegen und Wettbewerber anerkannt. Die meisten von uns arbeiten klaglos weit mehr als acht Stunden am Tag, und im Unterschied zu Amerika und Europa haben wir nur einen freien Tag pro Woche.

Liegt unsere schwache Entwicklung daran, dass unser Land zu wenig Rohstoffe hat?

Auch nicht, wir haben große Mengen an natürlichen Rohstoffen, die nur überwiegend noch nicht erschlossen sind. Sicher haben wir mehr nachgewiesene Rohstoffe als zum Beispiel Japan.

Liegt es daran, dass wir keinen eigenen Zugang zum Ozean und damit zum Seehandel haben?

Auch das ist nicht unser Hauptproblem, denn reiche und entwickelte Länder wie die Schweiz sind noch weiter von den nächsten Seehäfen entfernt als wir.

Wir sagen häufig, dass unsere Armut durch die Kriege, den Terror, und mehrfache Wechsel der politischen Systeme in den letzten Jahrzehnten entstanden ist, die eine sichere und ruhige Wirtschaftsentwicklung verhindert haben. Das ist zweifellos richtig, aber es ist ja nicht die eigentliche Ursache des Problems, sondern nur dessen Symptom.

Liegt es also daran, dass unser Volk aus verschiedenen ethnischen Gruppen besteht, die verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Kulturen und Gewohnheiten haben?

Aber auch das ist es nicht ganz. Kanada spricht Französisch und Englisch. In der Schweiz werden vier verschiedene Sprachen gesprochen. China hat fünfzig verschiedene ethnische Gruppen und hat seit Jahren die höchsten Wachstumsraten aller Länder.

Unser eigentliches Problem ist es, dass wir viel zu oft die Unterschiede zwischen unseren verschiedenen Gruppen in den Mittelpunkt stellen, anstatt unsere Gemeinsamkeiten zu betonen. Unser Problem ist, dass wir uns nicht einig sind, dass wir den anderen Gruppen gegenüber zu misstrauisch sind. Anders als die Schweizer und Kanadier teilen wir uns, statt uns zu vereinigen.

Dabei sind wir doch alle Menschen, wir sind alle Afghanen, und wir sind alle Moslems! Warum können wir uns nicht auf diese und so viele weitere Gemeinsamkeiten konzentrieren?

SIE sind die Unternehmer Afghanistans, und Ihre wichtigste Aufgabe und Ihr Anliegen ist es, Ihr eigenes Unternehmen zum bestmöglichen wirtschaftlichen Erfolg zu führen. Bei jedem einzelnen Geschäft stehen Sie untereinander in Konkurrenz, und das muss auch so sein. Aber alle Unternehmer müssen sich doch einig sein, wenn es darum geht, das geschäftliche Klima insgesamt und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Das ist IHRE Gemeinsamkeit.

Für Ihre Geschäfte sollte die Zugehörigkeit zur einen oder anderen ethnischen und sprachlichen Gruppe gar keine Rolle spielen, sondern nur die Region, in der Sie angesiedelt sind, die Branche, in der Sie tätig sind, und manchmal noch die Größe Ihres Unternehmens.

Mein Ministerium, die Regierung und das ganze Volk Afghanistans setzen enorme Hoffnungen in den Prozess, den Sie mit der heutigen Gründungssitzung einer neuen, vereinten Industrie- und Handelskammer begonnen haben.

Wir hoffen, dass Sie heute eine Stimmung der Einigkeit und der Betonung von Gemeinsamkeiten im ganzen Land anstoßen. Wenn Sie das schaffen, wird sich unsere Wirtschaft insgesamt bald viel schneller und besser entwickeln können. Wir werden im Inland und im Ausland ernster genommen, wenn wir uns einig sind, anstatt uns zu streiten. Nur einig sind wir stark.

Sie müssen es schaffen, die unterschiedlichen Interessen der Wirtschaft in den Regionen, Branchen, und Unternehmensgrößen innerhalb der Handelskammer fair auszugleichen. Die ethnische Zugehörigkeit darf dabei keine Rolle spielen, denn sie hat mit Wirtschaft nichts zu tun. Nach innen können Sie streiten, wenn Sie eine Entscheidung herbeiführen. Aber nach außen muss diese fair getroffene Entscheidung dann einheitlich vertreten werden. Nach außen heißt: gegenüber der Öffentlichkeit, den Medien, dem Ausland, und natürlich gegenüber der Regierung – also auch mir gegenüber.

Sie beginnen heute mit der Verschmelzung der beiden bisherigen Handelskammern und der Neugründung der vereinten nationalen Handelskammer eine Übergangsphase von einem Jahr, an deren Ende feste Strukturen für faire Entscheidungsprozesse der Wirtschaft stehen sollen.

Ich erwarte von Ihnen, dass ich in spätestens einem Jahr die Führung Ihrer Handelskammer fragen kann, wie die Gesamtwirtschaft Afghanistans über ein bestimmtes Problem denkt, und dann innerhalb kurzer Zeit eine fundierte und abgestimmte Antwort bekomme, die mir bei meinen Entscheidungen weiter hilft.

Sie werden heute über eine Satzung für diese Übergangszeit entscheiden und die Führungspersönlichkeiten wählen. Möglicherweise gibt es am Ende der Übergangszeit eine geänderte Satzung und einen Wechsel in der Führung. Die Aufgaben der Übergangs-Führung sind schwierig, und wer heute gewählt wird, sollte nicht unbedingt mit der Dankbarkeit aller Unternehmer für seinen Einsatz rechnen. Aber ich kann Ihnen zusagen, dass die Regierung und ich persönlich Ihnen alle Unterstützung geben werden, die möglich ist.

Die Regierung wird Sie unterstützen, aber wir wollen vermeiden, uns in Ihre eigenen Angelegenheiten mehr als nötig einzumischen. Die Handelskammer sollte nicht unter der Kontrolle der Regierung stehen, sondern sie ist die Organisation der Gesamtwirtschaft, also aller Unternehmer: Ihr eigenes Haus! Ich ermutige Sie, durch die Handelskammer mir gegenüber Ihre abgestimmten Entscheidungen zu vertreten, auch wenn sie mir nicht sofort gefallen. Überzeugen Sie mich, dass Ihre Entscheidungen richtig sind! Ich lasse mich oft überzeugen, aber nur, wenn Sie sich einig sind.

Durch eine starke und einige Handelskammer erringen Sie den Respekt der afghanischen Regierung, aber auch der Wirtschaftskreise im Ausland. Häufig reisen Minister vieler Länder ins Ausland und werden dabei von Unternehmerdelegationen begleitet, die internationale Geschäftskontakte suchen. Auch meine Minister-Kollegen und ich haben öfters solche Gelegenheiten. Auch wir würden uns freuen, wenn uns in Zukunft vermehrt ausgeglichene und angemessene Unternehmerdelegationen begleiten, deren Mitglieder von der vereinten Handelskammer vorgeschlagen und organisiert werden.

Sie sehen: Ihre heutige Versammlung hat die Chance, eine Wende in der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes herbeizuführen. Nutzen Sie diese Chance! Machen Sie den heutigen Tag zu einem historischen Ereignis, zu einem Tag, an dem nicht nur eine neue Handelskammer gegründet wurde, sondern die Wirtschaft ihre Kräfte vereint und dadurch einen mächtigen Impuls zum Aufbau eines neuen Wohlstandes in Afghanistan gegeben hat.

Vielen Dank.

(Dies ist der Entwurf einer Rede, die jedoch so nie gehalten wurde.)

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