Gelichter


Nicht von Licht Gelichter spricht.

Will nichts erleuchten, nichts belichten.

Tugend verbrannt, das Land übermannt.

Wenn Makel es bricht, nie mehr klar wird das Licht.


Friedrich Schiller, Die Räuber, Zweiter Akt, Erste Scene
Razmann. Sans Spaß! und sie schämen sich nicht, unter ihm zu dienen. Er mordet nicht um des Raubes willen, wie wir – nach dem Geld schien er nicht mehr zu fragen, sobald er’s vollauf haben konnte, und selbst sein Drittheil an der Beute, das ihn von Rechtswegen trifft, verschenkt er an Waisenkinder, oder läßt damit arme Jungen von Hoffnung studieren. Aber soll er dir einen Landjunker schröpfen, der seine Bauern wie das Vieh abschindet, oder einen Schurken mit goldnen Borten unter den Hammer kriegen, der die Gesetze falschmünzt und das Auge der Gerechtigkeit übersilbert, oder sonst ein Herrchen von dem Gelichter – Kerl! da ist er dir in seinem Element und haust teufelmäßig, als wenn jede Faser an ihm eine Furie wäre.

 

Apfelgarten

Kondensationswasser tropft von drei Stellen am in die Decke eingelassenen Ventilationsschacht auf das schon mit Feuchtigkeit gesättigte, zusammengefaltete, schmutziggraue Putztuch, das, die drei Tropfstellen gerade abdeckend, zwischen dem Regal mit Dauerkonserven und der Waschzelle auf den Bodenfliesen liegt. Die kräftige Heizung gewinnt immer den Wettkampf mit der durch die Ventilation eindringenden, von Staub, Pollen und bestimmten atmosphärischen Giften gereinigten, kalten Außenluft: der Raum ist feucht aber warm. In der grünen Beleuchtung durch drei permanente Lichtzellen wirkt der Raum vernachläßigt, er wird offensichtlich nicht oft betreten und noch seltener aufgeräumt. Der Raum liegt am hinteren Ende des Versorgungstraktes im Keller des West-Apfelgarten-Gebäudes, eines von der Stadtverwaltung subventionierten Wohnblocks für Einkommensschwache, mitten im Lukanerviertel der Stadt Mont Skar auf dem Planeten Ux.

Noch vor wenigen Jahren wohnten hier ausschließlich Lukaner. Die Türschilder zeigen bunte lukanische Namenszeichen, in der Wiederaufbereitungsebene stapeln sich vor dem Verwertungsbecken leere Verpackungen der von Lukan importierten Lebensmittel neben zerfledderten, mit der aus verschiedenfarbigen Kreisen und Punkten bestehenden lukanischen Schrift bedruckten Zeitungen. Im Wohnblock riecht es ebenso wie im ganzen Viertel ein wenig säuerlich-würzig nach Pradi, den berühmten lukanischen Pfannkuchen.

Für den hinteren Raum im Versorgungstrakt des West-Apfelgarten-Gebäudes fühlt sich niemand richtig zuständig. Die Stadtverwaltung, der das Gebäude gehört, schickt einmal im Jahr einen Sozialarbeiter vorbei, der sich Beschwerden der Familien anhört und dabei auch den Zustand des Wohnblocks begutachtet. Ihn begleitet ein Techniker, der die Filter des Wasser- und Luftsystems erneuert, die Permazellen für Heizung und Licht überprüft und die Verwertungskulturen der Entsorgungsebene regeneriert. Ganz selten wird er bei dieser Arbeit so schmutzig, daß er eine sofortige Körperreinigung für nötig hält. Nur dann betritt er den hinteren Raum, um die Waschzelle zu benutzen.

Sonst steht der Raum eigentlich zur allgemeinen Verfügung. Seine Existenz beweist, daß das Gebäude entweder von einem Architekten entworfen wurde, der nichts von der lukanischen Kultur und Lebensweise verstand, oder anfangs gar nicht für Lukaner konzipiert war. Zu Gunsten des Architekten nehmen wir letzteres an, da das sehr alte Gebäude durchaus vor der großen Einwanderungswelle aus Lukan entstanden sein kann. Ein Lukaner würde im Keller eines Gebäudes niemals einen Raum für die Allgemeinheit einplanen. Im traditionellen lukanischen Wertesystem gehören soziale Kontakte zu den höheren Ebenen des Lebens, während die Individualität niedrig angesiedelt ist. Gemeinschaftsräume befinden sich daher immer oberhalb der Privaträume. Die Empfangssäle der lukanischen Regierung befinden sich im obersten Stockwerk des Xan-Gebäudes der Stadt Pul, das zugleich das höchste Gebäude des Planeten ist.

Der Raum wird also von den lukanischen Bewohnern des Hauses nicht benutzt. Vor einigen Jahren allerdings hat die Stadtregierung von Mont Skar ihre zuvor rigide Politik geändert, daß nur einkommensschwache Lukaner in den Genuß der günstigen Mieten des Apfelgarten-Projekts kommen können. Im Zeichen der Gleichbehandlung aller Minderheiten standen die Gebäude nun formal auch anderen benachteiligten Einwanderergruppen offen. Vereinzelt wohnen also auch Meltser, Lugoniden und Trachofamilien im West-Apfelgarten. Länger als einige Monate hat es aber keine dieser Gruppen hier gehalten. Zwar gab es nur ganz selten offene Feindschaft von den lukanischen Nachbarn, doch sicherlich auch keine Aufnahme in das enge soziale Gefüge, keine Rücksicht auf die Eigenarten und Bedürfnisse der neuen Einwanderer. In seiner kurzen Zeit hier hat einer der nicht-lukanischen Bewohner den Raum gelegentlich benutzt, das Regal aufgestellt und seine Dauerkonserven untergebracht, beim Auszug aber nicht mehr daran gedacht oder keinen Wert mehr darauf gelegt.

Das Kondenswasser tropft, das Putztuch ist naß. Der allgegenwärtige Pradiduft mischt sich hier unten mit einem ganz schwachen, fauligen Geruch von feuchter Erde. Das unregelmäßige Geräusch der Tropfen wird begleitet vom kaum hörbaren Summen der Versorgungsanlagen in den anderen Kellerräumen: dem Saugen der Vakuumpumpen, dem Zischen der Heizflüssigkeit, dem Mahlen des Entsorgungssystems.

Dieser Raum ist ein idealer Schlupfwinkel für jemanden, der in Mont Skar für eine Zeitlang untertauchen muß. Es gibt Luft, Wasser, Lebensmittel, viel Ruhe und keine Störung. Zum Schlafen braucht man nur eine Decke und ein Kissen. Glücklicherweise wissen davon nur sehr wenige.

Pordang war seit drei Tagen hier unten, achtete schon lange nicht mehr auf das Geräusch der Tropfen. Wenn sie schlafen wollte, störten sie allerdings noch immer die Lichtzellen, die sie aus Furcht, einen Sensor auszulösen, nicht zu zerschlagen wagte. Sie warf sich vor, beim hastigen Verschwinden aus ihrer Wohnung nicht an ihren Augenschutz gedacht zu haben, den sie sonst bei jedem Ausflug mit sich führte. Wie die meisten Lukaner war auch Pordang ausgesprochen lichtempfindlich. Auf Lukan werden daher kaum Perma-Lichtzellen verwendet, sondern nur die etwas teureren schaltbaren Lichtzellen. Trotz dieses Mangels schlief Pordang lieber hier unten schlecht als sich oben erwischen zu lassen.

 

Dimensionen

Obwohl wir nur zwei Augen haben, können wir den Raum in drei Dimensionen sehen, erleben und erkunden: Länge, Höhe und Breite. Schließen wir ein Auge, so sehen wir alles nur ohne räumliche Tiefe, nämlich zweidimensional. Dabei wissen wir natürlich, dass trotzdem alles mindestens dreidimensional ist. Ob es aber mehr als drei Raumdimensionen gibt, können wir glauben und träumen, mit besonderen Sensoren messen, oder wissenschaftlich erforschen und vielleicht mathematisch beweisen.

Die Zeit können wir nur in einer einzigen Dimension erahnen, jedoch diesen einen Zeitstrahl nicht verlassen. Selbst wenn wir uns auf diesem Strahl vor- und rückwärts oder in wechselnder Geschwindigkeit bewegen würden, so könnten wir diese Reisen in die Vergangenheit oder Zukunft nicht bewußt wahrnehmen und daher nicht erleben oder erkunden.

Eine Verbindung zwischen den Dimensionen ist die Zahl Pi (π), und zwar sowohl zwischen den Raumdimensionen als auch mit der Zeit. Pi ist eine Zahl mit unendlich vielen Stellen nach dem Komma und beginnt mit

3,141592653

Kreisumfang und Kugeloberfläche

Für den zweidimensionalen Kreisumfang (U) und für die dreidimensionale Kugeloberfläche (O) jeweils mit dem Radius (r) gelten die vereinfachten Formeln:

U    = π * 2 * r            = π * 21 * r1

O     = π * 4 * r2               = π * 22 * r2

Der Kreisumfang ist die Verbindung der möglichen Positionen mit einer Entfernung (r) von einem Punkt im zweidimensionalen System. Die Kugeloberfläche ist die Verbindung der möglichen Positionen mit einer Entfernung (r) von einem Mittelpunkt im dreidimensionalen System.

Verallgemeinert kann die Verbindung der möglichen Positionen (VP) mit einer Entfernung (r) von einem Punkt und mit der Dimension (d) wie folgt dargestellt werden:

VP = π * 2(d-1) * r(d-1)

Raum mit vier Dimensionen

Für eine vierte Raumdimension ergibt die Formel:

VP = π * 23 * r3        = π * 8 * r3

In der vierten Dimension nimmt also die Verbindung der möglichen Positionen mit einer Entfernung von einem Meter ein Volumen von rund 25 Kubikmetern ein:

VP  = π * 8 m3           ≈ 25,13 m3

Eine Besonderheit unserer Formel ergibt sich im eindimensionalen System, wie beispielsweise an einer einfachen Linie, oder aber entlang des Zeitstrahls.  Hier lautet die Formel:

VP = π * 20 * r0

Die nullte Potenz jeder Zahl ist Eins, also:

VP = π

Dies besagt, dass in der eindimensionalen Welt die Verbindung der möglichen Positionen unabhängig von der Entfernung und unabhängig von einem festen Punkt immer Pi ist. Pi ist aber nur eine Zahl, keine messbare Strecke oder Fläche. Was also bedeutet dies?

Die nullte Dimension

Besonders spannend wird die Formel im System von Null Dimensionen, das wir uns als einen einfachen Punkt ohne Länge, Fläche oder Volumen vorstellen. In diesem System gilt:

VP = π * 2-1 * r-1

Die Verbindung der möglichen Positionen mit einer Entfernung von einem Meter ergibt im nulldimensionalen System eine reziproke Länge (Wellenzahl) von rund 1,57 m-1, entsprechend einer Energie von 8,66 * 10-28 kWh.

Pi ist aber noch viel mehr. Pi verbindet die digitale und die analoge Welt miteinander.